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Psychische Erkrankungen in der Familie – Orientierung für Angehörige

Wenn Mutter, Vater, Partner, Bruder oder Schwester psychisch erkrankt, betrifft das häufig die ganze Familie. Angehörige möchten helfen, wissen aber oft nicht, wie viel Unterstützung sinnvoll ist, wann Grenzen notwendig sind und wann professionelle Hilfe gebraucht wird. Dieser Ratgeber bietet praktische Orientierung – ohne medizinische Ratschläge zu geben.

Psychische Erkrankungen sind kein persönliches Versagen

Psychische Erkrankungen sind gesundheitliche Erkrankungen – nicht Faulheit, nicht Absicht, nicht mangelnde Willenskraft. Vorwürfe, Schuldzuweisungen oder stigmatisierende Aussagen helfen weder Betroffenen noch Angehörigen.

Für Angehörige:

  • Symptome nicht als „Faulheit" oder „Absicht" abwerten
  • Respektvoll und nicht verurteilend sprechen
  • Verallgemeinerungen vermeiden (nicht: „Du bist depressiv", sondern: „Du durchlebst gerade eine depressive Episode")
  • Die Person nicht auf ihre Diagnose reduzieren

Warum Vorurteile zusätzlichen Druck erzeugen

Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben häufig Vorurteile oder Ausgrenzung – manchmal auch von Familie oder Freunden. Das kann Rückzug, Scham und Selbstzweifel verstärken.

Als Angehöriger können Sie dagegen Zeichen setzen:

  • Respektvolle Sprache verwenden – auch wenn es schwer ist
  • Erkrankung nicht vor anderen bloßstellen oder als Gesprächsthema missbrauchen
  • Wünsche zur Privatsphäre respektieren
  • Betroffene nicht ausschließlich über ihre Diagnose definieren

Zuhören, ohne sofort alles lösen zu wollen

Eine der wertvollsten Fähigkeiten ist, da zu sein, ohne sofort Rat zu geben oder Probleme lösen zu müssen. Zuhören ist nicht dasselbe wie zustimmen.

✓ So kann es hilfreich sein:

  • Ruhig zuhören – ohne zu unterbrechen
  • Sorgen ernst nehmen, auch wenn sie sich irrational anfühlen
  • Aus der eigenen Perspektive sprechen: „Mir fällt auf…" statt Urteile
  • Nicht jede Aussage sofort bewerten oder korrigieren
  • Professionelle Hilfe ansprechen, wenn nötig: „Hast du schon mit jemandem darüber gesprochen?"

Beispiel statt Kritik:

Nicht: "Du musst endlich…" oder "Das ist doch nicht so schlimm…"

Besser: "Ich mache mir Sorgen um dich. Hast du schon einen Termin beim Psychologen?"

Verständnis heißt nicht, dass Angehörige alles übernehmen müssen

Mitgefühl und klare Grenzen schließen einander nicht aus. Tatsächlich schützen Grenzen oft beide Seiten.

Viele Angehörige erleben: Je mehr sie übernehmen, desto abhängiger wird die Situation. Das ist belastend für beide.

Klare Grenzen bedeuten:

  • Eigene Belastungsgrenzen erkennen und ernst nehmen
  • Nicht rund um die Uhr verfügbar sein müssen
  • Verantwortung nicht vollständig übernehmen – die Verantwortung liegt bei den Fachpersonen und dem Betroffenen
  • Bei Bedarf andere Familienmitglieder oder professionelle Fachstellen einbinden
  • Regelmäßig überprüfen: Was ist für mich noch möglich?

Wenn der Alltag zunehmend schwerfällt

Je nach Erkrankung können alltägliche Aufgaben überwältigend werden. Das bedeutet nicht böse Absicht, sondern dass die Erkrankung den Alltag massiv beeinflusst.

Häufige Schwierigkeiten:

  • Aufstehen
  • Regelmäßige Mahlzeiten
  • Haushalt und Hygiene
  • Termine einhalten

Weitere Bereiche:

  • Einkaufen und Besorgungen
  • Soziale Kontakte
  • Regelmäßige Tagesabläufe
  • Medizinische Termine

Praktische Unterstützung ohne Übernahme:

  • Kleine, überschaubare Schritte – nicht alles auf einmal
  • Einfache Absprachen treffen (z.B. „Mittwoch um 14 Uhr gemeinsam einkaufen?")
  • Nicht zu viele Anforderungen gleichzeitig stellen
  • Vorhandene Selbstständigkeit erhalten und unterstützen
  • Keine therapeutischen Tagespläne erstellen – das macht die Fachperson

Behandlung gehört zu Fachpersonen

Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen gehören zu Fachärztinnen und Fachärzten, klinischen Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.

Zentral:

Angehörige können unterstützen – sie ersetzen keine Behandlung.

Was Angehörige NICHT tun:

  • Diagnosen stellen
  • Therapieformen bewerten oder empfehlen
  • Medikamentenabhängigkeit oder -erfolge einschätzen
  • Behandlung selbst übernehmen

Was Angehörige können:

  • Zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe ermutigen
  • Bei Terminen begleiten (wenn gewünscht)
  • Beobachtungen mit der Fachperson teilen (z.B. „mir fällt auf…")
  • Das Vertrauen zur Fachperson stärken

Psychiatrische Medikamente niemals eigenständig verändern

Dosierung, Einnahme oder Absetzen von Medikamenten sollten ausschließlich mit den behandelnden Fachpersonen abgestimmt werden – nicht mit dem Partner, nicht mit Freunden, nicht selbst.

Wichtig:

Selbst wenn die Medikamente „nicht zu wirken scheinen" oder Nebenwirkungen auftreten – nur der Arzt oder die Ärztin darf das anpassen. Auch nicht heimlich ausgelassene Dosen.

Was Sie tun können:

  • Beobachtungen notieren und dem Arzt mitteilen
  • Zur pünktlichen Einnahme erinnern (wenn gewünscht)
  • Probleme mit der Fachperson besprechen – nicht selbst ändern

Was tun, wenn Hilfe abgelehnt wird?

Nicht jeder Mensch möchte sofort über seine Erkrankung sprechen oder Unterstützung annehmen. Das ist frustrierend für Angehörige, aber keine Ablehnung der Person.

Praktische Wege:

  • Gespräch anbieten, ohne unter Druck zu setzen
  • Sorgen ruhig benennen: „Mir fällt auf, dass…"
  • Hilfeoptionen bereitstellen, nicht aufzwingen
  • Zeit geben – Menschen ändern ihre Haltung oft schrittweise
  • Eigene Grenzen respektieren – Sie können jemanden nicht „retten"

Ausnahme: Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung ist es nicht nur erlaubt, sondern notwendig, professionelle Hilfe zu holen – auch ohne Zustimmung der Person.

So viel Selbstständigkeit wie möglich erhalten

Gut gemeinte Unterstützung kann mit der Zeit dazu führen, dass Angehörige immer mehr Aufgaben übernehmen. Das schwächt oft auch die Selbstständigkeit des Erkrankten.

Die Balance:

SELBST MACHEN – was sicher und möglich ist:

Regelmäßig fragen: „Schaffst du das, oder brauchst du mich?"

UNTERSTÜTZEN – wo Struktur oder Motivation fehlen:

Z.B. gemeinsam zur Apotheke gehen, Einkaufszettel schreiben, Termine aufschreiben.

ÜBERNEHMEN – nur dort, wo es wirklich notwendig ist:

Nicht automatisch, sondern bewusst und befristet.

Auch Angehörige dürfen überfordert sein

Vielleicht kontrollieren Sie täglich, ob Ihre Mutter gegessen hat, organisieren Termine für Ihren Vater, versuchen ständig, Ihren Partner zu stabilisieren, oder trauen sich nicht, Grenzen zu setzen. Das ist erschöpfend.

Typische Zeichen von Überbelastung:

  • Permanente Sorge
  • Schlafprobleme
  • Gereiztheit und Ungeduld
  • Schuldgefühle

Weitere Zeichen:

  • Kaum noch eigene Freizeit
  • Rückzug und Isolation
  • Konflikte mit Geschwistern oder Partner
  • Hilf- und Hoffnungslosigkeit

Zentral:

Auch Angehörige brauchen Unterstützung. Das ist nicht egoistisch – es ist notwendig.

Wo Angehörige selbst Hilfe finden können

Sie sind nicht allein. Es gibt Unterstützungsangebote speziell für Menschen, die einen psychisch erkrankten Angehörigen begleiten.

Mögliche Anlaufstellen:

  • Angehörigenberatung – speziell für Familien psychisch erkrankter Menschen
  • Psychosoziale Dienste – kostenlos oder kostengünstig in Wien
  • Selbsthilfegruppen – Austausch mit anderen Angehörigen
  • Psychologische Beratung – für eigene Belastung und Stress
  • HPE – Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter – Verband mit Angeboten und Vernetzung

Stabile Alltagssituation oder psychiatrische Krise?

Es ist wichtig zu unterscheiden: Ist das eine schwierige, aber stabile Situation – oder ein Notfall?

Stabile Situation

Schwierig, aber grundsätzlich überschaubar:

  • Tagesstruktur schwierig
  • Haushalt wird vernachlässigt
  • Termine werden vergessen
  • Sozialer Rückzug
  • Unterstützung im Alltag notwendig

Was tun:

Unterstützung organisieren, regelmäßig professionelle Behandlung sichern, Alltag strukturieren.

Akute Krise

Gefährliche Situation – sofort handeln:

  • Selbstgefährdung
  • Fremdgefährdung
  • Schwere Verwirrtheit
  • Akuter Realitätsverlust
  • Massive Erregung oder Gewalt

Was tun:

Sofort professionelle Hilfe: 144 (Rettung) oder 133 (Polizei).

Wann sofort professionelle Hilfe notwendig ist

Es gibt Situationen, in denen Abwarten gefährlich ist. Dann müssen Angehörige sofort handeln – unabhängig davon, ob der Betroffene es möchte.

Handeln Sie sofort, wenn:

  • Selbstgefährdung: Suizidankündigung, Selbstverletzung, gefährliches Verhalten
  • Fremdgefährdung: Aggression, Drohungen gegen andere, unkontrollierte Gewalt
  • Schwerer Realitätsverlust: z.B. Wahnvorstellungen mit gefährlichem Verhalten
  • Halluzinationen mit Aggressivität
  • Eskalierendes aggressives Verhalten oder Gewalt
  • Schwere Bewusstseinsstörung oder Verwirrtheit

Österreich – Notfallnummern:

Rettung: 144 – Bei akuten medizinischen/psychiatrischen Notfällen

Polizei: 133 – Bei akuter Sicherheitsgefahr für Sie oder andere

Telefonseelsorge: 142 – Bei suizidalen Gedanken oder psychischer Krise (kein Notfall, aber unmittelbare Unterstützung)

Ihre eigene Sicherheit zählt ebenfalls

Wenn eine Situation aggressiv oder unkontrollierbar wird, sollten Angehörige nicht versuchen, sie alleine zu lösen. Ihre Sicherheit geht vor.

Wenn die Situation eskaliert:

  • Abstand halten – sofort Raum schaffen
  • Hilfe holen – Nachbarn, Polizei, Rettung
  • Keine körperliche Auseinandersetzung
  • Notruf unter 144 oder 133 bei akuter Gefahr
  • Sicherheitsmitarbeiter niemals selbst einsetzen

Psychische Erkrankung und Demenz sind nicht dasselbe

Rückzug, Verwirrtheit oder ungewöhnliches Verhalten können unterschiedliche Ursachen haben. Demenz und psychiatrische Erkrankungen dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden – auch wenn Symptome ähnlich wirken.

Der Unterschied ist wichtig für die richtige Unterstützung und Behandlung. Eine falsche Diagnose kann zu falschen Maßnahmen führen.

Lesen Sie mehr dazu in unseren spezialisierten Ratgebern:

Wann zusätzliche Unterstützung im Alltag sinnvoll ist

Nicht jede psychische Erkrankung braucht zusätzliche Betreuung. Aber wenn die Situation dauerhaft stabil ist und Alltag, Haushalt oder Tagesstruktur regelmäßig Hilfe brauchen, kann Unterstützung entlasten.

Fragen zur Orientierung:

  • Wird der Haushalt dauerhaft nicht geschafft?
  • Werden Mahlzeiten oder Termine regelmäßig vergessen?
  • Braucht die Person Begleitung außer Haus?
  • Ist die Tagesstruktur stark beeinträchtigt?
  • Müssen Sie täglich kontrollieren und „retten"?
  • Ist die Situation grundsätzlich stabil – nur die Alltagsaufgaben sind das Problem?

Wenn mehrere dieser Punkte zutreffen und die psychiatrische Behandlung läuft, kann zusätzliche Alltagshilfe oder Betreuung entlasten – für Betroffene und Angehörige.

Das ist dann Aufgabe der Betreuung:

Haushalt, Mahlzeiten, Tagesstruktur, Begleitung – die medizinische Behandlung bleibt bei Fachpersonen.

Benötigt Ihr Angehöriger bereits regelmäßig Unterstützung?

Auf unserer Betreuungsseite erklären wir, wann 24-Stunden-Betreuung bei einer stabilen psychischen Erkrankung in Wien sinnvoll sein kann und welche Grenzen dabei gelten.

Zur Betreuung bei psychischen Erkrankungen

Häufige Fragen von Angehörigen

Helfen bedeutet nicht, alles alleine tragen zu müssen

Psychische Erkrankungen können eine ganze Familie belasten. Gute Unterstützung bedeutet, Betroffene respektvoll zu begleiten, professionelle Hilfe einzubeziehen und gleichzeitig die eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Sie sind nicht allein.